Martelltal
Zufallgletscher

Martelltal

Über das Martelltal hatte ich schon viel gehört und Mitte September ergab sich die Möglichkeit, dort endlich einmal eine Tour zu unternehmen. Keine Tageswanderung, wie sonst in dieser Rubrik beschrieben, sondern eine Zwei-Tages-Bergwanderung. Einmal auf die Vordere Rotspitze und dann noch aufs Madritschjoch.
Schon die Anfahrt durchs Tal war angenehm und führte uns an Blumenkohlfeldern vorbei durch Europas höchstgelegenes Erdbeeranbaugebiet. Durch die unterschiedlichen Höhenlagen von 900 bis 1.800 m ergibt sich eine unterschiedliche Reifezeit, so dass es eigentlich den ganzen Sommer über Erdbeeren im Martelltal gibt. Gegen Ende der Fahrt fuhren wir in 1.850 m Höhe am türkisblauen Zufrittsee vorbei. Er wird vom Fluss Plima durchflossen und dient der Energiegewinnung, obwohl sich das Kraftwerk viel weiter unten in Laas befindet. Das Kraftwerk und der Stausee wurden in den 50iger Jahren des vorigen Jahrhunderts errichtet. 

Wenn Du lieber schauen willst, dann geht es hier…

Hotel Paradiso und Plimaschlucht

Am Talschluss parkten wir das Auto. Am zentralen Parkautomaten konnte man ohne Münzen mit Karte bezahlen. Bergschuhe angezogen und auf ging es. 16:00 Uhr ist wirklich keine gute Zeit zum Start einer Bergwanderung, aber das Wetter war sonnig und stabil und bis zur Martellhütte wollten wir es schaffen. Immerhin wartete dort 18:30 Uhr das Abendessen auf uns.

Zunächst liefen wir vom Parkplatz zu einem kleinen Teich, in dem sich die umliegenden Berge spiegelten, die wir morgen besteigen wollten. Durch die Bäume hindurch erblickten wir zum ersten mal das rote Hotel Paradiso, welches später noch öfter als Farbtupfer auf den Fotos vom Martelltal auftauchen würde. Gebaut wurde es 1933-1935 und erlebte seine Blütezeit bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. Seit Kriegsende ist es verlassen. Nun waren wir gespannt auf die Plimaschlucht, einem der Highlights des Nationalparks Stilfser Joch. Die Erschließung der vorher für Besucher kaum zugänglichen Schlucht wurde 2017 abgeschlossen. Der Rundwanderweg beginnt an der „Kelle“, einer in die Tiefe ragenden Stahlkonstruktion. Diesen ersten von 4 Aussichtspunkten am Rande der Schlucht haben wir in der Eile verpasst. Wir stiegen direkt bis zur Sichel auf. Die Sichel ist eine halbrunde Plattform, die einen beeindruckenden Blick in die Schlucht gewährt. Danach folgt die Kanzel und eine Hängebrücke über die ganze Schlucht hinweg. Die Nachmittagssonne warf grelles Licht auf einen Teil der Schlucht, der andere Teil versank in tiefem Schatten. Schwierig fürs Fotografieren. Die Hängebrücke führt direkt zur Zufallhütte, aber das sollte erst morgen unser Ziel sein. 

Aufstieg zur Marteller Hütte (2.610 m) am Nachmittag

Und so stiegen wir am diesseitigen Rand der Schlucht durch herbstlich gefärbtes Heidelbeerkraut weiter auf; immer mit Blick auf die Gletscherwelt vor uns. Bald erreichten wir den Fuß des Wasserfalls „Konzentschatter“. Größere Wassermassen stürzen hier eindrucksvoll zu Tal. Vielleicht ist das viele Wasser der Gletscherschmelze geschuldet. Im September ist es immer noch recht warm. Nun ging es links vom Wasserfall steil bergauf – immer dem Wanderweg 37 folgend. Trotz der Eile musste ich immer wieder fotografieren, weil die Landschaft in der Abendsonne einfach so beeindruckend aussah. Noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang und pünktlich zum Abendessen erreichten wir die Martellhütte (2.610 m). Das italienische Essen war sehr gut und reichlich. Der Hüttenwirt servierte aber nicht nur wohlschmeckendes Essen, sondern konnte uns auch kenntnisreiche Tourempfehlungen geben. Attraktiv erschien uns die Wanderung zum Gletscherrand.  Andere Gäste berichteten uns detailliert von ihrem Aufstieg auf die Vordere Rotspitze, speziell über die letzten 100 Höhenmeter. Anspruchsvoll, aber durchaus machbar und so entschieden wir uns für diese Tour.

Aufstieg zur Vorderen Rotspitze (3.033 m)

Nach einem guten Frühstück starteten wir am nächsten Morgen zur Vorderen Rotspitze. Der Weg führte uns ein Stück des gestrigen Weges über den mäandernden Bachlauf oberhalb des Konzentschatter-Wasserfalls und an der Konzenlacke vorbei wieder zurück zur Weggabelung. Dort, an der Abzweigung zur 37A, stiegen wir auf einem Grat diesem Weg folgend nach oben. Hinter der Schranspitze (2.888 m) liefen wir an zwei malerischen Bergseen entlang und gelangten schlussendlich bis zum Weg Nr 31, dem Aufstieg auf den Gipfel der Vorderen Rotspitze. Der Anstieg verläuft in einer steilen Rinne, die aber seilgesichert ist. Mit ein wenig Kletterei und Trittsicherheit schafft man das aber mühelos. Oben wurden wir mit einem Rundumblick belohnt. Immer wieder schweift der Blick vom Zufrittsee zur Königsspitze und dem Ortler. Im Süden grüßen die Gletscher der Zufallspitze und des Monte Cevedale.

Beim Abstieg wählen wir, nachdem das seilgesicherte Stück absolviert ist, nicht die kürzeste Strecke zur Zufallhütte, sondern laufen noch den Bogen über die Hintermarteller Sperre, einem Stauwerk aus dem Jahre 1893, das die zerstörerischen Flutwellen des Gletschersees verhindern sollte. Damals reichte der Zufallferner noch bis hierher ins Tal. Kurz danach ist auch schon die Zufallhütte (2.265 m) erreicht. Wir bekommen ein renoviertes 4-Bett-Zimmer zugeteilt und geniessen einen Kaiserschmarren auf der Sonnenterrasse.

Madritschjoch und Blick auf das Ortlermassiv

Der nächste Vormittag war für eine gemütliche Tour ins Pedertal und eventuell zur Lyfi Alm vorgesehen. Zum Abschied empfahl uns der Hüttenwirt für unseren nächsten Besuch eine Tour durch das Plimatal weiter aufwärts zur Madritschspitze (3.265 m). Und zwar wegen der atemberaubenden Aussicht auf den Ortler. Mit diesem Gedanken im Kopf erreichten wir den Abzweig des Weges Nummer 33 und entschieden uns kurzerhand, die 151 parallel zum Madritschbach bergan weiterzulaufen, um wenigstens das Madritschjoch (3.123 m) auf direktem Weg zu erreichen. Das Wetter war sonnig, wir waren ausgeruht und so erreichten wir schon bald das Joch. Der Ausblick, der sich einem auf den allerletzten Metern unerwartet auftut, ist tatsächlich atemberaubend. Greifbar vor uns lag die schneebedeckte Königspitze (3.851 m) und der Ortler (3.905 m). Bergab liefen wir die gleiche Strecke und kehrten zum Erstaunen des Wirts nochmal auf der Zufallhütte zum Essen ein. Zum Parkplatz hinunter liefen wir dann den normalen Fahrweg in einer halben Stunde. 

Ins Martelltal möchten wir alle unbedingt zurückkehren.