Von Thusis nach Disentis
Plaun la Greina

Von Thusis nach Disentis

Auf zum Bergwandern in die Schweiz! Unser Ziel sind die Quellflüsse des Rhein. Auf  dem „Walserweg II“ wollen wir mit der Alpinschule Oberstdorf von Thusis nach Disentis wandern.

Wenn Du lieber schauen willst, dann geht es hier…

Gehzeit

Maximal 6,5 h pro Tag Insgesamt ca. 36,5 Stunden

Aufstieg

Maximal 1.100 m pro Tag Insg. ca. 5.030 Hm

Abstieg

Maximal 1.260 m pro Tag Insg. ca. 5.770 Hm

Schwierigkeit

Leicht-mittelschwer

Die Schweiz – das unbekannte Land. So scheint es zumindest, fahren wir doch oft nach Österreich oder nach Südtirol in Italien, aber nur selten in die Schweiz. Zunächst besticht die Schweiz schon bei der Anreise. Mein bis Zürich durchgehender Zug fährt nur noch bis Basel. Die massiv verspäteten Züge der Deutschen Bahn würden sonst den Schweizer Bahnverkehr durcheinanderbringen. Dafür geht es ab Basel nun mit Schweizer Pünktlichkeit weiter. 5 Minuten Umsteigezeit sind völlig ausreichend. Die Züge sind pünktlich und der Anschlusszug steht meist auf dem Nachbargleis. Man könnte also noch eine Zeitung kaufen.

In Thusis warten schon die Busse direkt am Bahnhof, um die weiterreisenden Passagiere an ihre regionalen Ziele zu befördern.

Wir übernachten mit Wanderfreunden im Gasthaus Waldheim auf der anderen Seite des Flusses. Es ist der Hinterrhein, der hier fließt. Die Übernachtung ist ohne Schnickschnack, aber preiswert und gut.  

„Thusis ist die nördliche Pforte zu den Alpen und ebenso der Ausgangspunkt der UNESCO Welterbestrecke der Rhätischen Bahn nach St. Moritz und weiter über den Berninapass ins italienische Veltlin. Auf dem Weg in den Süden mussten bereits die Römer die Viamala-Schlucht überwinden. Dank der für Händler und Reisende günstigen Lage entwickelte sich Thusis ab dem Mittelalter zum attraktiven Zentrumsort der ganzen Region.“ (Zitat Infotafel)

1.Tag: Thusis - Viamala - Rofflaschlucht

Am nächsten Morgen trifft sich die Wandergruppe gegen Mittag und wir steigen zur Burg Hohen Rätien hinauf. Eine Trinkpause erlaubt einen Blick zurück nach Thusis. Die Burg ist in Privatbesitz und wir besichtigen sie nicht. Das grosse Felsplateau hoch über dem Hinterrhein ist eine der ältesten, bis heute genutzten Siedlungsstätten der Schweiz, und ein aussergewöhnliches Kulturgut in Graubünden mit wechselvoller, über 4000-jähriger Geschichte. Wir laufen oberhalb der Schlucht entlang und überqueren auf einer spektakulären Hängebrücke („Zweiter Traversier Steg“) einen Zufluss zum Hinterrhein, ehe wir zur Strasse absteigen und die eigentliche Viamala-Schlucht sehen. Tief eingeschnitten fließt ganz tief unten der Hinterrhein. Man könnte da hinabsteigen. Beeindruckend, dass hier noch eine Straße hindurch führt und beeindruckend die Brückenkonstruktionen. Von Vills (948 m) fahren wir (pünktlich) mit dem Bus zum Hotelgasthof Rofflaschlucht.

Geschichte der Rofflaschlucht

„Das Gasthaus in der Rofflaschlucht besteht schon seit vielen Generationen. Die Strasse, die hier vorbeigeht, war früher der einzige Weg, der in dieser Gegend über die Alpen nach Italien führte. Anno dazumal war es also Raststätte und Unterkunft für Mensch und Tier. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Gotthardeisenbahn eröffnet wurde, verlagerte sich ein grosser Teil des Verkehrs.“ (Zitat Infotafel)

Die eigentliche Sensation ist aber die Rofflaschlucht mit dem Wasserfall selbst bzw. die Geschichte ihrer Erschließung.
Eine Auswandererfamilie kehrte aus den USA in die Schweiz zurück.  „Daheim angekommen, brachten sie zuerst das Haus in Ordnung und begannen dann mit der riesengrossen Arbeit, den Wasserfall zu erschliessen. Im Dezember 1906 fing Christian Pitschen-Melchior in der Schlucht an, auch seine Frau und seine Kinder halfen ihm dabei. Rund 8.000 Sprengladungen sollte er bis zum Schluss brauchen, vor allem aber mussten über 10.000 Sprenglöcher von Hand in den Fels geschlagen werden. Im Dorf nannte man ihn einen Spinner, da jahrelang kein Ziel sichtbar war. Nach sieben mühsamen Wintern -im Sommer war die Familie mit der Landwirtschaft beschäftigt- hatten sie Ihren Traum erreicht. Für heutige Zeiten unvorstellbare Ausdauer und Kraft hat es gebraucht. Auch wenn danach lange Zeit nur wenige Leute den Wasserfall besuchten, so hatte man wenigstens genug zum Überleben.
Auch heute bewirtet die Familie Melchior die Gäste der Rofflaschlucht und freut sich auf zahlreiche Besucher.“ (Zitat Infotafel)

Durch einen in den Felsen gehauenen Gang kann man tatsächlich unter dem Hinterrhein hindurchgehen. Der Hinterrhein ergießt sich kurz danach als Wasserfall talabwärts. 

2. Tag: Splügen - Safierberg - Safiental

Nach einer kurzen Fahrt mit dem Kleinbus im Tal des Hinterrheins gelangen wir am Sufnersee vorbei nach Splügen (1.457 m). Von hier aus wäre es eine Viertelstunde mit dem Auto bis nach San Bernardino. Den San Bernardino Pass kann man mit dem Auto auf der Landstrasse erreichen oder auf der Autobahn 13 im Tunnel unterqueren. Noch näher an der Grenze zu Italien liegt der Splügenpass. Wir starten allerdings zu Fuß in die entgegengesetzte Richtung – nicht ohne uns vorher in der Molkerei mit Bündner Bergkäse versorgt zu haben. Es geht aufwärts im Tal des Stutzbaches und nach einiger Zeit erreichen wir die Stutzalp (2.019 ). Dort gibt es leider keine Einkehrmöglichkeit. Bei dem feuchtkalten Wetter wäre das schon nett gewesen. Ich bin froh, dass die großen Hütehunde alle im eingezäunten Territorium an der Alp bleiben und uns nur genau beobachten. Stehenbleiben ist aber nicht angesagt. Oben auf dem Safierberg (2.486 m) verspeisen wir an einer windgeschützten Stelle unseren mitgebrachten Proviant. Danach geht es bergab durch den Naturpark Beverin vorbei am Wasserfall des Gletscherbachs (So heißt der Bach) entlang des Flüsschens Rabiusa bis zum Berggasthof Turrahus. Das Turrahus ist ein 300 jähriges Walserhaus in 1.700 m Höhe am hinteren Ende des Safientals gelegen. Die Holzkonstruktion und die Holzverkleidungen lassen die Zimmer sehr heimelig wirken und natürlich verfügt das alte Haus über ein gut funktionierendes WLAN und eine Postbushaltestelle vor der Tür.

3. Tag: Safiental - Valsertal - Vals

Bei trübem Wetter steigen wir auf zum Tomülpass 2.412 m. Er verbindet das Safiental mit dem Valser Tal und bildet die Wasserscheide zwischen der Rabiusa, die in den Hinterrhein mündet und dem Tomülbach, der in den Valser Rhein mündet. Als wir den Aussichtspunkt am Pass besteigen, schaut erstmalig die Sonne durch die Wolken. Später regnet es noch einmal. Zum Glück haben wir da schon die Alpe Tomül erreicht und wir können uns kurze Zeit in den Stallgebäuden im Raum mit den Brennholzvorräten unterstellen. Dazu gibt es heißen Kaffee von der Wirtin, allerdings ohne Milch. Ich habe das so verstanden, dass von hier oben aus viele Kühe und Kälber verschiedener Bauern betreut werden, es aber keine Milchwirtschaft und keine Käseproduktion gibt. Der Abstieg führt uns weiter nach unten zum Riedboda, einer Moorlandschaft, durch die Wasserläufe mäandern. Gespeist wird dieses Gegend hauptsächlich vom Tomülbach, der sich in einem oder sogar mehreren Wasserfällen von der Alpe Tomüls in den Riedboda ergießt. Wir gelangen an die Baumgrenze, die Sonne kommt endgültig durch und wir werden am Aussichtspunkt Pradätsch (1.973 m) mit einem herrlichen Blick ins Tal des Valser Rheins belohnt. Talauswärts schaut man auf die Tödi-Kette, taleinwärts nach Zervreila mit dem Stausee und auf die Berggipfel des Adula-Massivs. Der Zerfreila Stausee wird der Startpunkt unserer morgigen Wanderung sein. Nun steigen wir steil hinab nach Vals. Sehenswert die alten Schweizer steingedeckten Holzhäuser. Sehenswert auch die Kirche und hörenswert das Konzert für Harfe, Querflöte und Orchester, das darin geboten wird.

Wir nächtigen im Hotel Edelweiß mit Gemeinschafts-Toilette und -Dusche auf dem Gang. Wie eigentlich immer gibt es ein hervorragendes Nachtessen. 

4. Tag: Zervreilastausee - Guraletschsee - Ampervreilsee - Fahrt nach Vrin

Heute steht die 3-Seen-Wanderung zu den hochgelegenen Karseen auf dem Programm. Eine der schönsten Wanderungen in Graubünden. Ein Kleinbus bringt uns hinauf zum Zervreilastausee. „Die Kraftwerke Zervreila wurden zwischen 1951 und 1958 gebaut. Vom Zervreilastausee in Vals via Safiental bis nach Rothenbrunnen im Domleschg wird das Wasser durch 33 Kilometer Stollen geleitet und viermal genutzt. Dabei wird Strom für ca. 110’000 Haushalte produziert, was 565 Mio. kWh entspricht.“ (Zitat aus https://www.graubuenden.ch/de/ausflugsziele/wasserkraft-hochspannung). Das Wasser es Stausees leuchtet türkisblau. Im Südwesten erhebt sich das markante Zervreilahorn über die anderen Berggipfel. Nach einem schönen Anstieg erreichen wir den Guraletschsee (2.409 m), in dem sich die umliegenden Berge spiegeln. Die sumpfigen Ufer sind mit Wollgras bestanden. Weiter geht es zum Ampervreilsee (2.377 m), einem kleinen Bergsee am Fuße des Guraletschhorns. Weiter in nördlicher Richtung erreichen wir den Selvasee (2.297 m). Die tollen Wolkengebilde spiegeln sich im Wasser des Sees. Danach geht es stell hinab zurück nach Vals. Von dort aus fahren wir talabwärts, bis wir an der Glennerbrücke den Fluss Glogn überqueren und auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses am Berghang entlang sozusagen „zurück“ bis nach Vrin fahren. Die Fahrt nimmt fast eine Stunde in Anspruch und erspart uns die Überquerung der Berge zwischen dem Valser Tal und dem Lumneziatal.  

Wir wohnen in der Casa Leon. Die Casa Leon ist Herberge, Restaurant, Café und Bäckerei in einem. Außerdem bietet sie Menschen in schwierigen Lebenssituationen eine Auszeit. In dieser Zeit arbeiten sie in der Bäckerei oder im Café mit und werden auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vorbereitet. 

5. Tag: Vrin - Greina - Camona da Terri

Am Morgen steigen wir zum Pass Diesrut (2.428 m) auf. In Vrin Parvalsauns (1.630 m) treffen wir auf die Endhaltestelle des Postbusses, ehe es „richtig“ in die Berge geht. Diesrut bedeutet „Zerbrochener Rücken“ und tatsächlich ist die Landschaft der Alp Diesrut durch zahlreiche Runsen (Erosionsrinnen) geprägt, die das Gelände zerfurchen und ihm dieses charakteristische, „zerbrochene“ Aussehen verleihen. Die Wolken reißen auf und geben den Blick auf die Berge frei. Gleich nach dem Pass öffnet sich der Blick nicht nur auf die Schneefelder vor dem Piz da Stiarls (2.993 m) und dem Piz Greina (3.124 m), sondern auch auf die Auenlandschaft der Plaun la Greina. Beim Abstieg zu dieser Hochebene erblicken wir schon zum ersten Mal die Hängebrücke und die Terrihütte. Die Plaun la Greina ist ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung für die Schweiz. Schön, dass es vor der früher einmal geplanten energiewirtschaftlichen Nutzung verschont wurde. Der Somvixer Rhein kommt vom Greinapass und durchquert die Schwemmebene. Am nördlichen Ende des Schutzgebiets beginnt bei «La Camona» eine etwa zwei Kilometer lange Schlucht, durch die der Rhein gegen Nordwesten das Tal «Val Sumvitg» erreicht. Beim Eingang in die Schlucht überqueren wir – dem Bergweg vom Diesrutpass zur Terri-Hütte folgend – den Fluss auf einer neuen Hängebrücke. Sie wurde 2018 errichtet, ist 64 m lang und überquert die Schlucht in 40 m Höhe. Die Aussichten auf die Wasserfälle am Schluchtbeginn, auf die weiterführende Schlucht und einfach nach unten auf den Rhein sind grandios. Bald danach erreichen wir die Terri-Hütte (2.170 m), wo wir freundlich empfangen werden. Hier wird kräftig gebaut, um die Hütte zu erneuern und zu erweitern – für mehr als 1 Mio Franken, wie ich im Internet erfahre.

6. Tag: Fuorcla Sura da Lavaz - Medelser Hütte

Es gibt zwei Varianten, um heute zur Medelser Hütte, unserem Tagesziel, zu kommen. Die erste, planmäßige, führt zunächst bergab in nördlicher Richtung ins Tal des Rein da Sumvitg. Nach der Überquerung des Bachs steigt diese Route in westlicher Richtung auf und führt über die Alp Lavaz bis zur Medelserhütte. Entgegen dem ursprünglichen Plan entscheiden wir uns für die zweite Variante, die ohne den morgendlichen Abstieg auskommt und leicht bergan nach Süden zum oberen Teil der Greina Hochebene führt. Wir laufen entlang kleiner Moore mit Wasserflächen, deren Ufer mit Wollgras bestanden sind. Die Sonne sendet einzelne Strahlen durch die dichter werdende Wolkendecke. Für Mittag sind Gewitter angesagt. Und so fällt die Rast am Pass Crap (2.355 m) nicht allzu lang aus. Vorbei am Arco della Greina, einem Felsen-Torbogen, steigen wir bei Nebel über große Blöcke auf bis zum Pass Fuorcla Sura da Lavaz (2.703 m). Von hier aus bietet sich eine tolle Aussicht auf den „Glatscher da Medel“ und offensichtlich auf die beiden Nachbargipfel des Piz Medel, nämlich den Südostgipfel des Fil Liung (3.052 m) und des Fil Liung (3.062 m) selbst. Ehe wir zur Medelser Hütte aufsteigen können, geht es zunächst über den „Glatscher da Lavaz“ bzw. seine Überreste 500 Höhenmeter bergab. Gut, dass wir Grödeln dabei haben, obwohl es zur Not sicher auch ohne die gegangen wäre. Das angekündigte Gewitter erreicht uns nun, erweist sich aber zum Glück als relativ harmlos. Die verbliebenen 300 Höhenmeter bis zur Camona da Medel (2.524 m), auf deutsch Medelser Hütte, erweisen sich nun als anstrengend, aber die großartig renovierte Hütte und das gute Essen lassen uns die Anstrengung schnell vergessen. 

7. Tag: Alp Sura - Val Plattas - Curaglia - Disentis

Beim Abstieg von der Medelser Hütte über die Alp Sura lässt der Regen zum Glück schnell nach. Bei Stavels Veders (1.965 m) überqueren wir die Brücke über den Bergbach Rein da Plattas, der am Medelser Gletscher entspringt und das Tal Val Plattas entwässert. Wir folgen dem Weg bis hinab nach Curaglia (1.332 m). Dort kaufen wir noch vom Bauern an der Kasse des Vertrauens Bergkäse, ehe wir mit dem Linienbus nach Disentis gelangen. Ein eigenartiges Gefühl, dort am Bahnhof auf die japanischen, indischen und anderen ausländischen Gäste zu treffen, die sich die Berge mit dem Glacier Express bei einem Glas Sekt erschließen. Mit der Rätschen Bahn geht es zurück zum Ausgangspunkt in Thusis.